Malaysia, Rick Tenhaven

In dem folgenden Text werde ich meine Erfahrungen, Gefühle und Meinungen über meine Zeit (Januar bis Juni 2009) in Malaysia beschreiben und erzählen.

Meine Reise begann am Frankfurter Flughafen in Deutschland, von wo mein Flug in das fremde und weit entfernte Land Malaysia gehen sollte.  Meine Eltern und ein weiterer in Frankfurt ansässiger Verwandter waren meine einzige Begleitung. Insgesamt waren es dreizehn Deutsche, mich inbegriffen, welche die Möglichkeit bekommen sollten ein Jahr als Austauschschüler in Malaysia zu verbringen. Ich konnte mich glücklich  schätzen, dass ich zum Zeitpunkt des Abflugs schon durch die Vorbereitungstreffen mit meinen Reisegesellen vertraut war und auch schon einige Freunde unter ihnen gefunden hatte. Das war der Grund dafür, dass ich mich als erster von meinen Eltern verabschiedete. Der Abschied fiel mir zuerst erstaunlich leicht, was vermutlich daran lag, dass ich unglaublich aufgeregt war. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir noch überhaupt nicht vorstellen, was mich erwartet.

Nachdem meine Eltern verabschiedet waren, ging plötzlich alles unglaublich schnell. Einige der freiwilligen Einweiser meiner Austauschorganisation AFS gaben noch letzte Anweisungen und dann wurden wir auch schon zum Flieger gebeten. Geflogen war ich seit Jahren nicht mehr und genau so erging es den meisten meiner Mitschülern. Den freiwilligen AFSlern war es nicht erlaubt uns zu begleiten. Das bedeutete, dass wir schon in Deutschland auf uns allein gestellt waren. Zum Glück ging alles glatt und wir saßen wie geplant in der Maschine.
Durch unsere Sitzreservierungen waren wir gezwungen in zwei getrennten Gruppen zu sitzen, was für uns generell kein Problem war, da so gut wie jeder mit jedem klarkam. Der Flug war sehr entspannend und ging schnell vorüber.

Es gab einen Zwischenstopp in Bangkok, der zum Glück nur eine akzeptable halbe Stunde in Anspruch nahm. Die Ankunft in Kuala Lumpur war zu diesem Zeitpunkt schon abzusehen.

Die Ankunft selbst war spektakulär. Wir traten aus der Maschine und wurden von einer Welle der berühmten schwülheißen Malaysia-Temperaturen begrüßt. Unsere erste Nacht in Malaysia verbrachten wir in einem Hotel, das sich in den Außenbereichen von Kuala Lumpur befindet. Am nächsten Morgen brachte man uns in ein Hotel nahe des Stadtkerns, wo wir dann in dem einwöchigen „Arrival – Camp“ die
Möglichkeit bekamen, die Malaysia-Austauschschüler aus aller Welt kennen zu lernen. Außerdem wurden wir in die Gebräuche und Sitten Malaysias eingeführt, was mir später sehr hilfreich sein sollte. Bei Stadtführungen und Malaysisch-Unterricht rückte der Zeitpunkt, an dem wir unsere Gastfamilien kennen lernen sollten immer näher. Am letzten Abend vor der großen Bekanntmachung wurde ich überraschend von der Direktorin meiner zukünftigen Schule willkommen geheißen. Ein ausführliches Gespräch wurde leider durch leichte Kommunikationsprobleme
verhindert, da sie nur sehr dürftiges Englisch sprach und ich zu dem Zeitpunkt noch kein Malaysisch beherrschte.

Der nächste Tag war eine Qual. Ich konnte mich vor Aufregung kaum halten. Wir hatten einen malaysischen Song auswendig gelernt, um schon mal im Voraus einen guten Eindruck zu machen. Durch den erfreulichen E-Mail Kontakt, den ich schon vor meinem Austausch mit meiner Gastfamilie hatte, besaß ich durch Bilder und Erzählungen schon einen Eindruck. Die Familien waren in einem Raum versammelt, während wir
uns auf den großen Moment vorbereiteten. Dann war es soweit; in Zweierreihen wurden wir hereingeführt um uns auf einer kleinen Bühne vor den Gastfamilien aufzustellen. Während wir unsere kleine Performance vortrugen, suchte ich vergebens in der Menge nach meiner Familie. Erst als diese sich durch Winken bemerkbar machte konnte ich sie ausmachen. Mein Austauschbruder und meine Gastmutter (Hostmother) waren
gekommen, um mich abzuholen. Unnötigerweise wurden wir vorgestellt. Nach der ersten Begegnung hatten wir dann die Möglichkeit uns in einem Restaurant auszutauschen.

Die Fahrt zu meinem neuen Zuhause dauerte so ca. drei Stunden, mit Mittagessen und Kaffeepause vier. Die Straße war links und rechts ununterbrochen von Urwald gesäumt. Das Ziel der Fahrt war Kemaman, eine kleine am Meer gelegene Stadt. Sie liegt nahe der Großstadt Kuantan, in einer tropischen Umgebung und besitzt außer ihren traumhaften Stränden und dem nahe gelegenen Regenwald nicht viele Sehenswürdigkeiten. Die ersten Tage werde ich nie vergessen! Es gab so unglaublich viel zu sehen und meine Familie scheute keine Kosten und Mühen mich herumzubringen und mir alles zu zeigen. Das Haus der Familie ist nicht sehr groß, es hat aber einen sehr hübschen Garten. Mein Bett wurde im Zimmer meines Bruders untergebracht. Außer meinem Bruder und meiner Mutter besteht meine Familie aus einem Vater, einer älteren Schwester, Großeltern, einem großartigen Onkel und noch vielen mehr.

Mein Onkel Hansing nahm sich besonders viel Zeit mir die Umgebung zu zeigen. Rund um Kemaman gibt es hauptsächlich Mangrovenwälder,
einen Fluss, der sich durch die Wälder ins Meer schlängelt und sehr schöne fast menschenleere Strände. Überall gibt es interessante Pflanzen und Tiere. Nach der Regenzeit sind die Mangrovenwälder total überschwemmt – ohne den im oberen Bild künstlich angelegten Weg, könnte man gar nicht durchgehen. Mit den Körben auf dem Bild rechts wird hier gefischt.

Die Menschen in Kemaman reagierten auf mich sehr freundlich und interessiert, teilweise sogar überschwänglich. Diese freundliche Bananenschälfrau auf dem Bild rechts z.B. freute sich so sehr über das gemeinsame Foto, dass sie mir ein Jahr lang kostenlose Bananen anbot. Die Bananen werden in Streifen geschnitten und dann in frittiert.

Nach der ersten Woche stand dann mein erster Schultag an. Ich sollte auf dieselbe Schule wie mein gleichaltriger Bruder gehen, jedoch war ich gezwungen eine Klassenstufe tiefer zu besuchen, da es mir nicht erlaubt war, das Abschlussexamen mitzuschreiben. Die Direktorin hatte mir schon im voraus angekündigt, dass ich an meinem ersten Schultag eine Rede vor der gesamten Schule zu halten hätte. Sie hatte mir jedoch verschwiegen, dass ihre Schule mehr als zweitausend Schüler umfasst. Also bereitete ich ahnungslos mit meinem Bruder einen halb malaysisch halb englischen Begrüßungstext vor.

Am Morgen war mein erster Schultag. Ich steckte in meiner etwas gewöhnungsbedürftigen Schuluniform und bekam dann zuerst einmal einen Schock. Auf dem Schulhof war die gesamte Schule versammelt, und ihre Aufmerksamkeit galt einer mit einem Stuhl bestückten Bühne. Es kam wie es kommen musste, ich wurde auf die Bühne geführt und erhielt die Ehre auf dem Stuhl sitzen zu dürfen. Die Reaktion auf meine Rede war unglaublich, es wurde gejubelt und geklatscht dass es mir schon übertrieben vorkam. Ich wurde herzlichst begrüßt und war gefordert, sämtliche
Hände zu schütteln. Später sollte ich erfahren, dass ich der erste Austauschschüler auf dieser Schule bin, es hat noch nie zuvor andere Gastschüler gegeben.

Die nächsten Tage waren unglaublich anstrengend. Ich wurde durch die Schule geführt mit der netten Aufgabe, mich in jeder Klasse persönlich vorzustellen und mich für Fragen zur Verfügung zu stellen. Dabei war meine ganze Kommunikationsfähigkeit gefragt, denn viele Malaien besitzen so gut wie keine Englischkenntnisse und mein Malaiisch bewegte sich zu diesem Zeitpunkten noch auf dem Basislevel. Die chinesische Bevölkerung hatte weniger Hemmungen mit der englischen Kommunikation. Das ist einer der Gründe, weswegen mein chinesischer Freundeskreis größer ist, als der malaysische. Da es ja für mich nun galt, Malaysisch und Mandarin zu lernen und Englisch zu intensivieren, wurde mein Stundeplan so zusammengestellt, dass ich möglichst viel Sprachunterricht hatte. Ich stellte schnell fest, dass die Schule sich sehr von unseren deutschen Schulen unterscheidet. Neben der Schuluniformpflicht gibt es eine Reihe von Dingen, die zeigen, dass „Disziplin“ hier eine
wichtige Rolle spielt. So gibt es zum Beispiel extra einen Disziplinarlehrer, der mit der Aufgabe betraut ist für Ordnung zu sorgen. Die Rektorin der Schule genießt einen ganz besonderen Respekt, sie darf nur von dem Schülersprecher angesprochen werden. Allen anderen ist es verboten das Wort an die Direktorin zu richten. Für mich galt dieses Verbot aber nicht. Auf dem Bild oben wurden in der Schule verschiedene  „Volksgruppen“ mit typischer oder traditioneller Kleidung dargestellt.

Zum Eingewöhnen war wenig Zeit, denn AFS organisierte einen Ausflug zur Insel Penang. Sie ist die größte Insel Malaysias und bekannt für ihre Natur und die Großstadt Georgetown, die sich über den ganzen Norden erstreckt. Ich sollte Penang jedoch nicht wegen der Natur oder der Stadt besuchen, für mich war ein Besuch des „Thaipusam“, einem jährlichen, kulturellen Fest, geplant. Ein Brauch dieses Events ist es, dass man haufenweise Kokosnüsse zerteppert und dann auf einen Haufen schmeißt.In der Woche auf Penang gab es dann wieder einen kulturellen Umschwung für mich, da ich in einer indischen Familie untergebracht war. Die Woche war sehr interessant und ich habe es genossen,  Teilnehmer eines so großen interkulturellen Ereignisses zu sein. Bei meiner Rückkehr aus Penang machte ich einen zweitägigen Zwischenstopp in der Hauptstadt meines Staats Kuala Terengganu. Malaysia besteht aus 13 Staaten, die ähnlich wie die deutschen Bundesländer fungieren. In Kuala Terengganu konnte ich im Haus des AFS Chapter Präsidenten meines Staates übernachten.

Mit meiner Rückkehr nach Kemaman ging dann das Eingewöhnen in den malaiischen Alltag weiter. Auf mich kamen plötzlich ganz neue Aufgaben zu, wie zum Beispiel Gartenarbeit, die Hunde duschen und sogar Kochen. Die Schule war generell nicht sehr belastend, der Stoff war für mich leicht zu bewältigen und meine Sprachkenntnisse bildeten sich so gut wie von alleine weiter aus. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir bestens, meine Familie war nett, ich hatte schon erstaunlich viele Freunde gefunden und es gab ständig Neues zu sehen. Es wurden viele Ausflüge gemacht und es wurde viel erzählt oder erklärt. Ich konnte mich glücklich schätzen und das war sicher auch der Grund dafür, dass ich mein „altes Leben“ in Deutschland wenig vermisste.

Nach wenigen Tagen wurde die Eingewöhnungsphase schon wieder unterbrochen, denn meine Austauschmutter hatte geplant meinen Bruder und mich auf ihre Dienstreise nach Kuala Lumpur mitzunehmen. Es sollte nicht zu lange werden, gerade genug um ein verlängertes Wochenende zu füllen. In Kuala Lumpur bewohnten Gabriel (mein Bruder) und ich ein Hotel nahe der Innenstadt, sodass wir uns tagsüber in Shoppingmalls, Kinos und Freizeitanlagen aufhalten konnten. Natürlich bekam ich auch eine Stadtführung durch die Metropole und Weltstadt Kuala Lumpur. Dieses Wochenende verbesserte das Verhältnis zwischen meinem Bruder und mir erheblich. Man wird sich eben vertrauter, wenn man sich Tage lang so zu sagen auf der Pelle hockt. Am Ende des Aufenthalts wurden wir von Jenny, der Gastmutter (Hostmother) wieder eingesammelt und zurück nach Kemaman gebracht.

In Malaysia ist es grundsätzlich sehr warm, was für mich, da ich aus dem kalten Deutschland komme, teilweise eine Tortur war. Das Klima ist nicht etwa heiß und trocken, wie in der Wüste. Es ist schwül und warm, die Luft ist feucht und wenn die Sonne
dann grad mal nicht vom Himmel knallt, regnet es manchmal wie aus Eimern.

Das Klima bringt aber neben Sonnenbränden und  Schweißausbrüchen auch gutes mit sich, wie zum Beispiel die exotisch, tropische Flora und Fauna und die Tatsache, dass man mit kurzer Hose und T-Shirt immer ausreichend bekleidet ist. Es ist ja bekannt, dass es in Malaysia tropischen Regenwald gibt. Tatsächlich bestehen siebzig Prozent Malaysias nach wie vor aus bewaldeten Flächen, was die Umgebung sehr exotisch erscheinen lässt.

Doch außer dem Urwald gibt es auch (wie schon oben erwähnt) traumhafte Strände in Malaysia und ich konnte mich glücklich schätzen einen solchen Strand 5 Minuten von meiner Haustür entfernt zu haben. Leider ist es zu gefährlich zu schwimmen, aber es ist eine so schöne Atmosphäre, dass der Strandbesuch sich trotz- dem sehr lohnt.

In den Märzferien hatte ich dann das große Glück, dass ich gleich zweimal die traumhafte Insel Redang besuchen konnte. Es heißt, sie ist eine der schönsten Inseln des Südchinesischen Meeres, und ich kann das nur bekräftigen. Man kann diese Insel mit einer karibischen Urlaubsinsel vergleichen. Es ist nur ungleich wärmer und die Fischbestände dürften die der Karibik noch übertreffen. Das Meer, das diese Inseln umgibt, ist von türkiser Farbe und so klar, dass man teilweise bis zu 10 Meter tief bis zum Grund sehen kann. In diesen  Gewässern hab ich beim Schnorcheln Meeresschildkröten, Haie, Clownsfische und tausend andere exotische Korallenfische antreffen können.  Mein erster Ausflug nach Redang galt der von AFS organisierten „Delayorientierungsfahrt“. Sie wurde aus dem Grund auf Redang gehalten, weil AFS uns gerne die Insel zeigen wollte. Neben den Nachhilfestunden, die wir von freiwilligen Mitarbeitern bekamen, konnten wir Schnorcheln, die Insel besichtigen und unsere Erfahrungen austauschen.

Der zweite Redangbesuch wurde individuell vom Chapterpresidenten geplant. Uns wurde die Ehre zuteil, das für Touristen unzugängliche Meeresschildkrötenreservoir Redangs zu besuchen. Dort wurden uns von den Arbeitern die Meeresschildkröten beim Eierlegen gezeigt und es wurden uns die Gefahren erklärt, die diese Eier bis zum Schlüpfen bedrohen können.

Der Ausflug nahm die gesamten Ferien ein, sodass unmittelbar danach die Schule wieder begann. Die nächste Zeit verstrich mehr oder weniger ereignislos. Ich wurde immer weiter in den Alltag mit eingebunden und konnte mich immer weiter integrieren.

Beim Tagesablauf in der Schule wurde ich weniger beachtet und in meinem Gastzuhause wurde ich weniger wie ein Besucher und mehr wie ein Familienmitglied behandelt. Diese Zeit hat mir trotz ihrer „Ereignislosigkeit“ sehr viel gebracht. Ich konnte sehr umfangreiche Erfahrungen sammeln und hatte außerdem viel Zeit über mein Leben in Deutschland nachzudenken, mir Fehler einzugestehen und zu beschließen bei meiner Rückkehr vieles besser zu machen. Es ist eine neue Erfahrung ständig Zeit zu haben. Die malaysische Bevölkerung hat viel Zeit und diese wird genutzt, um zum Beispiel  fernzusehen, sich mit Freunden zu treffen oder bestimmten Hobbys nachzugehen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die malaysische Lebensphilosophie völlig angenommen und konnte meine Freizeit mit verschiedenen Aktivitäten füllen und genießen (das Bild links entstand z. B. in einem Malkursus).

Ich bekam tiefe Einblicke in die malaysische, indische und chinesische Kultur. Ich besuchte Hochzeiten, Volksfeste und religiöse Städten und Veranstaltungen. Meine christliche chinesische Gastfamilie hielt mit einem Kreis ähnlicher Familien wöchentlich  Gottesdienste ab, die reihum bei den Familien zu Hause stattfanden. Dies nenne sie „Housechurch“. Bei alle dem bekam ich eine einweisende
Erklärung von meinen Freunden oder Familienmitgliedern. Alles wurde mit der Zeit für mich normaler und vertrauter. Bei all diesen aufregenden
Dingen vergingen die ersten Monate schnell und meine Kenntnisse im Umgang mit der Bevölkerung und meiner Familie wuchsen immer weiter................

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